Ein neues altes Dach...

Im Gegensatz zur Realität sieht der Betrachter einer Modellbahnanlage die ganze Szenerie "von oben", also quasi aus der Vogelperspektive. Deshalb wenden wir uns als erstes den Dächern der Häuser zu. Außerdem lassen sich Dächer von Bausätzen relativ leicht verändern/optimieren, ohne den Bausatz selbst verändern zu müssen. Sogar nachträglich kann man das mitgelieferte Spritzgußteil gegen ein selbstgefertigtes Dach austauschen.

Vorteil der heute üblichen Spritztechnik ist der günstige Preis bei Serienfertigung, entscheidender Nachteil: die Dächer sehen alle ziemlich gleich aus. Und sie müssen sich an durch den (teuren) Formenbau vorgegebene Formen halten. Individuelle Dachformen, wie sie real üblich sind, wären in der Serienfertigung unverhältnismäßig teuer. Eine besonders schwierige Form ist die eines sehr alten, teilweise schon "zusammengefallenen" Daches. Dies läßt sich mit Großserienformen nicht herstellen, also greifen wir zum Selbstbau.

Der Charme alter (Fachwerk-)Häuser wird auch durch die unsymmetrische, vom Zahn der Zeit aufgezwungene Form bestimmt: Holz (im Fachwerk und in der Dachunterkonstruktion) ist ein Naturprodukt und verändert im Laufe der Jahre (oder besser Jahrhunderte) in nicht geringem Maße seine Form und Ausdehnung. Die Folge sind zum Beispiel Dächer, deren First eben nicht wie mit dem Lineal gezogen gerade ist, sondern der sich zur Firstmitte hin durchbiegt. Die Dachziegel oder Schindeln haben natürlich genauso gelitten, manche sind durch die Veränderung der Holzkonstruktion verrutscht, andere sind gebrochen, verwittert, verschoben... Lassen Sie einfach mal ein (natürlich nicht renoviertes) Dach eines alten Fachwerkhauses auf sich wirken und prägen Sie sich die Eigenheiten ein; vergessen Sie ein paar Fotos für die spätere Umsetzung ins Modell nicht!

Unser erstes selbstgefertigtes Dach gehört zu einem Resin-Bausatz eines alten, "Pulverturm" genannten Gebäudes. Vor Resinbausätzen muß man keine Angst haben, mit ein wenig Übung gelingen auch diese Modelle! Das gleichmäßige Dach mit Biberschwanz-Optik wollte uns ganz und garnicht gefallen...

Form abnehmen

Ein etwas dickerer Zeichenkarton diente als Basis für das neue Dach. Hierauf übertrugen wir die Dachform der beiden Resin-Bauteile mit Bleistift, indem wir die Teile einfach auf den Karton legten und die Umrisse nachzeichneten. Mit einem scharfen Bastelmesser lassen sich die Teile leicht aus dem Karton ausschneiden. Jetzt haben wir schonmal zwei neue Dachhälften...

Der Dachfirst

An den Oberkanten der beidem Dachhälften zeichnet man nun jeweils einen leichten (!) Bogen an; Mutige erledigen das freihändig, weniger Geübte nehmen ein Kurvenlineal zu Hilfe. Ein kleines Stück PVC (ca. 3 x 3 mm, Länge entsprechend der Dachoberkante minus 3 mm an jeder Seite für die Hauswände) dient als Stütze. Man biegt diese Stütze so, daß sie auf den zuvor aus dem Karton ausgeschnittenen Bogen paßt. An dieser Stütze lassen sich nun die gebogenen Firstkanten mit Pattex oder Tesa-Kleber fixieren; die Firstkanten ohne Stütze zusammenzukleben, dürfte wenig erfolgreich sein, da nicht genügend Auflagefläche zur Verfügung steht. Die Grundkonstrultion für unser individuelles Dach ist jetzt bereits fertig.

Die Dachdecker kommen

Biberschwanz, Pfanne, Schindel, Ziegel... Dächer sind mit vielerlei verschiedenen Materialien gedeckt. Für den Pulvertrum haben wir uns für rechteckige Dachziegel entschieden. Solche Materialien werden von einigen Zubehör- und Kleinserienherstellern angeboten, wir haben die Dachstreifen von MKB-Modellbau verwendet. Sie bestehen aus 0.4 mm starkem mattem Fotokarton im Format 300 x 200 mm, die Streifen sind vorgestanzt.

Die Streifen schneidet man entsprechend der Dachlänge zu, wobei man ca 5 mm zugibt, um genügend Material zum Verschieben der Streifen zur Verfügung zu haben - die Ziegel liegen ja versetzt zueinander. Man beginnt am unteren Rand (natürlich, wie sollen die Ziegel sonst überlappen...) und klebt nun Streifen für Streifen übereinander. Wir haben Tesa Flüssigkleber verwendet, was den überraschenden, aber durchaus angenehmen Nebeneffekt hat, daß sich die Trägerpappe ein wenig wellt: schon hat man den Effekt eines unregelmäßig eingefallenen Dachstuhls! Auch nach Aufbringen der Streifen können sie noch eine zeitlang exakter positioniert werden, da der Flüssigkleber nur langsam abbindet.

Wer es ganz genau haben möchte, der zeichnet sich vor der Anbringung der Streifen die jeweilige Position auf die Trägerpappe, was allerdings nicht unbedingt nötig ist. Zum gebogenen Dachfirst hin sind die Streifen ebenfalls ein wenig der Biegung anzupassen. Da es auf dem First noch einen Abschluß (Firstziegel oder Teerpappe oder Holzlatten...) geben wird, ist es nicht wichtig, mit der letzten Reihe bis an den Firstrand zu gelangen. Eine etwaige Lücke wird mit dem Abschluß kaschiert. Sind beide Dachhälften mit Streifen beklebt, lassen wir das Dach etwa ein Tag durchtrocknen.

Wir wollten natürlich auch die einzelnen Ziegel altersentsprechend sehen. Vor dem Verkleben haben wir deshalb die Streifen zwischen jedem Ziegel ungefähr zur Hälfte eingeschnitten - ziemliche Geduldsarbeit. Mit dem Bastelmesser haben wir am folgenden Tag dann einzelne Ziegel ein wenig "angehoben".

Farbe und Pinsel:

Mit Buntstiften und Wachsstiften rücken wir jetzt der eintönig rotbraunen Druckfarbe auf den Pelz. Wer nicht aus dem Gedächtnis die verschiedenen Farben eines solchen Dachs aufbringen kann, dem hilft wieder eines der hoffentlich geschossenen Fotos. Verwitterung, Grünspan, Qualm und Ruß (besonders in Kaminnähe), Spuren des ablaufenen Regen- und Schmelzwassers - so ein Dach macht einiges mit im Laufe der Jahrhunderte. Farben wie rost- und rotbraun, ziegelrot, schwarzbraun, schmutziggrau, dunkelgrün (Moos, Grünspan) und schmutzigweiß (Wasserspuren) können Verwendung finden. Mit Finger oder Verreibestift lassen sich weiche Übergänge schaffen. Man könnte auch mit Wasser- oder Acrylfarben arbeiten, das aber würde den Fotokarton aufweichen. Farbstifte sind sich in diesem Fall die bessere Wahl.

Wir haben den Ziegeln zunächst mit hellem grau einen leichten Schleier verpasst (Stift schräg halten und mit der breiten Seite der Spitze nur sanft über die Oberfläche gleiten lassen). Diesen Grauschleier haben wir ganz leicht mit dem Finger verwischt und dann mit dunklem rot, dunklem grau, grün, grüngelb und schwarz die verschiedenen Spuren aufgetragen. Auch hierbei ist wenig Anpressdruck ausreichend: nochmal Farbe aufzubringen ist einfach, bereits aufgebrachte zu entfernen fast unmöglich, weil man beim Radieren die Ziegel ausbrechen würde. Also zuerst wenig Farbe aufbringen, dann kritisch begutachten und eventuell nacharbeiten!

Fazit:

Eine ziemliche "Fisselei" ist das! Rund 50 Reihen Schindeln vorbereiten (Einschnitte an den einzelnen Schindeln) und verkleben. Da ist das Bemalen zum Schluß das reinste Vergnügen! Aber: wir sind mit unserem ersten selbstgebauten Dach recht zufrieden. Das Problem: jetzt wollen wir keine "Industriedächer" mehr...

Und die Bilder?

Da dies auch unser erster Versuch war, haben wir die Kamera "vergessen". Das holen wir in Kürze nach, denn jetzt wollen wir einem bereits bestehenden Gebäude (der Schnapsbrennerei Franz Branntwein & Cie) auch neue Dächer verpassen. Dabei werden wir die einzelnen Arbeitsschritte fotografisch dokumentieren, versprochen!