AC/DC?
Nein, hier geht es nicht um eine der angeblich lautesten Bands der Welt, hier geht es um die simple Frage: Wechselstrom oder Gleichstrom, also Märklin oder "Rest der Welt". Für viele eine Art Glaubensfrage, für den Autor entscheiden ganz einfache Kriterien:
Wechselstromgleise erkennt man an den Mittelleiterkontakten. Das System hat zwar den (einzigen) Vorteil, daß Kurzschlüsse bei Kehrschleifen, Gleisdreiecken und Drehscheiben nicht entstehen können, weil an den beiden Schienen nur der Minuspol anliegt, dafür aber einen entscheidenden Nachteil: Man kann anstellen, was man will, die Gleise sehen immer aus wie Spielzeuggleise. Keine noch so gekonnte Behandlung mit Farbe läßt die Punktkontakte verschwinden, besonders im Bereich von Weichen und Kreuzungen fallen sie extrem unangenehm ins Auge. Damit ist das System "Märklin" für all jene Modellbahner aus dem Rennen, die möglichst vorbildnah gestalten wollen.
Geschickterweise hat der Branchenprimus aus Göppingen vor einiger Zeit Trix übernommen und sich damit auch auf dem Markt der Gleichstrom-Modellbahner ein Standbein geschaffen. Außerdem profitieren die Märklinisten seither von den Trix-Modell-Formen. Eine Reihe schöner Loks und Waggons aus dem Trix-Programm ist nun auch für Wechselstromer verfügbar.
Für einen Modellbahner, der Wert auf möglichst vorbildnahe Optik legt, kommt also nur das Gleichstromsystem in Betracht. Die früheren "Kontakt-Probleme" des Systems dürfen heutzutage wegen des qualitativ hochwertigen, nicht rostenden Gleismaterials beruhigt als passé angesehen werden. Und für die Kurzschlußproblematik gibt es bereits fertige Schaltungslösungen am Markt. Die zahlreichen Anbieter wirklich guten Gleismaterials werden für den Perfektionisten ergänzt durch die Möglichkeit des Eigenbaus. Da ist für jeden Anspruch etwas dabei!
Analog oder digital?
Wer heute eine neue Anlage plant und nicht schon sehr viele analoge Lokomotiven besitzt, für den kann die Antwort nur "digital" lauten. Den Vorzügen der Digitaltechnik könnte allenfalls der höhere Preis für die Modelle entgegen stehen. Könnte, wohlgemerkt, denn um auch nur annähernd die Funktions- und Fahrmöglichkeiten digitaler Loks mit analogen Modellen zu erhalten, ist ein erheblich höherer finanzieller Aufwand nötig! Die platinenbasierte PC-Steuerung (DOS!? - ähäm?! wir schreiben das Jahr 2007...!) eines Anbieters z.B. kann für einen "normal betuchten" privaten Modellbahner durchaus als viel zu teuer bezeichnet werden...
Und selbst für all jene, die schon analoge Loks besitzen, lohnt der Neuanfang: praktisch jede Lok läßt sich nachträglich mit einem Decoder ausstatten. Ist allerdings, wie bei allen älteren Modellen, keine Schnittstelle vorhanden, sollte man über gute Fertigkeiten im Umgang mit dem Lötkolben und über sehr gute Kenntnisse im Bereich Lokomotivantrieb/Elektrik verfügen. Im Zweifelsfalle lieber einen Fachmann ranlassen, ein fehlerhaft eingebauter Decoder gibt rasch seinen kostspieligen Geist auf und kann sogar einiges in der Lok zerstören.
Selectrix? DCC? Oder was?
Auch dies scheint eine Glaubensfrage zu sein, besonders die Freunde von Selectrix schwören bedingungslos auf "ihr" System. Jedes der verschiedenen am Markt existierenden Systeme mag seine Vorzüge und Nachteile haben. Für den Autor ist allerdings etwas anderes entscheidend: welches der angebotenen Systeme kann weltweit als Standard gelten und bietet damit die größtmögliche Zukunftssicherheit? Ein proprietäres System wie Selectrix kann morgen vom Hersteller (der ja jetzt unter der Märklin-Flagge Kosten sparen und rationalisieren muß!!) abgekündigt werden. Pech gehabt.
Erinnert sich noch jemand an die Anfangszeiten der Videorecorder? Da gab es VHS, Betamax und System 2000. Letzteres die letzte große Entwicklung des deutschen Radiopioniers Grundig und das erste der Systeme, das vom Markt verschwand, obwohl es den beiden anderen Systemen in vielen Punkten überlegen war. Pech gehabt. Betamax hielt sich noch eine Zeit dank der Marktmacht des Erfinders SONY, verschwand aber wegen SONYs restriktiver Lizenzpolitik auch vom Markt und hat nur im Profisektor überlebt, weil die Qualität um Längen besser war/ist als bei VHS. VHS war weltweit verbreitet, galt als Standard und wurde erst langsam verdrängt von den digitalen Aufzeichnungsmedien. Aber selbst heute kann man noch VHS-Geräte kaufen!
Die richtige Wahl heißt deshalb heute DCC, denn DCC ist von der NMRA als weltweiter Standard genormt. Wer andere Systeme wählt, riskiert, morgen ohne technische Weiterentwicklung, neue Produkte und Support da zu stehen. Das umso mehr, als Unternehmen heutzutage schneller "die Türe schließen" als man denken mag...
Auch die Hersteller sind sich dessen bewußt und bieten nicht umsonst Multiprotokolldecoder an, die sowohl mit dem eigenen (proprietären) System wie auch mit DCC zu fahren sind. Man könnte vermuten, daß hier schon herstellerseitig mittelfristig der Ausstieg aus dem eigenen System geplant wird...
Lenz? Uhlenbrock? ESU? Viessmann?
Hat man sich für DCC-Decoder entschieden, benötigt man noch eine Fahrzentrale (es sei denn, man will alles nur via PC steuern). Auch hier tummeln sich einige Anbieter am doch überschaubaren Markt. Wer von einem der proprietären Systeme wie Selectrix umsteigen will, der wird um ein Multiprotokollfahrgerät nicht herumkommen, wenn er nicht alle Lokdecoder austauschen will.
Wer aber jetzt digital startet, kann sich die zahlreichen Mehr-Euros für ein solches Fahrpult getrost schenken. Es macht nämlich absolut keinen Sinn, mehrere Protokolle gleichzeitig zu fahren. Besonders nicht, wenn man die kommenden zusätzlichen Möglichkeiten des DCC-Systems bedenkt, wie z.B. die bidirektionale Kommunikation, also der Datenfluß nicht nur von der Zentrale zum Decoder, sondern auch in die andere Richtung.
Im Bestand von Weyersbühl befinden sich rund 100 Lokomotiven, von denen etwa 10% nicht mit DCC-Decodern ausgestattet sind; teilweise liegt es daran, daß die begehrte Lok z.B. einen Selectrix-Decoder eingebaut hatte, teilweise aber auch an der damaligen Unkenntnis des Autors. Bisher kam deshalb die Intellibox zum Einsatz. In Zukunft wird aber komplett mit
Digital plus von Lenz gefahren, auch, wenn das den Umbau einiger Loks bedeutet. Nur mit diesem System lassen sich alle Vorzüge des DCC-Systems auch in Zukunft nutzen und eventuelle Inkompatibilitäten mit Multiprotokollgeräten (wie sie übrigens gar nicht so selten auftreten!) vermeiden.
Lenz Elektronik ist übrigens der Erfinder des DCC-Formats und hat nicht wie seinerzeit SONY den Fehler restriktiver Politik begangen, sondern die Technik stets offen gelegt und so erst den Weg freigemacht für einen weltweiten digital-Standard.



