Wo fang ich nur an...

Als die Idee zu einer eigenen Anlage langsam reifte, hat der blutige Anfänger und heutige Weyersbühl-Eigner gierig alle greifbare Literatur verschlungen. Völlig unerfahren in der Gestaltung eines Gleisplans stöberte er durch alle Gleisplanbücher, die von den Herstellern und diversen Fachmagazinen auf dem Markt sind.

Zwei Dinge fielen recht schnell (und recht unangenehm) auf: entweder waren die Pläne für Eigner mittelgroßer Hobby-Hallen entworfen oder sie zeigten alle möglichen Variationen von Kreisen, Ovalen, Achten und offenen Hundeknochen, nicht selten "verschönert" durch sichtbare 180°-Kehren mit Kleinstradius. Und, bei allem Verständnis für die Gleis-Hersteller, die ja möglichst viele ihrer Schienen an den Mann bringen wollen: man muß doch nicht wirklich jeden Zentimeter der Fläche mit Gleisen vollpacken. Herrschaften, das ist gar fürchterlich anzuschauen! Und die Maulwurfshügel-Tunnel, mit denen wir als Kinder die Ecken "verschönerten", die gehören heute doch wirklich nicht mehr auf eine Anlage.

Fazit: nur wenige Publikationen können das Auge des Modellbahnfreundes mit gefälligen Plänen erfreuen. Es ist eben leider unmöglich, auf einer Fläche von 2 × 1 Meter eine doppelgleisige Hauptstrecke mit abzweigender Nebenbahn, einen mehrgleisigen Bahnhof mit separater Güterabfertigung und einem BW mit 6-ständigem Lokschuppen unterzubringen. Das heißt, möglich ist das, aber ob's auch schön ist... Noch etwas: es ist gar furchtbar langweilig, seine Züge stets dieselbe Strecke in derselben Richtung fahren zu sehen. Der Eilzug von A-Stadt nach B-Heim sollte irgendwann aus B-Heim wieder nach A-Stadt zurückkommen, statt immer nur seine Kreise zu drehen, nicht wahr? Klar, "Rundstrecken" sind einfacher, bedürfen nicht zwingend mehrerer Ebenen und haben bei Gleichstrom auch keine Schaltungsprobleme mit Kehrschleifen.

Ach, ich sehe den geneigten Leser abwinken und argumentieren, es sei eben kein Platz für eine Anlage mit Kehrschleifen und Schattenbahnhof und dergleichen. Falsch! Ein Irrtum, dem auch der Autor zu Beginn aufgesessen war: selbst auf kleiner Fläche lassen sich realistische, glaubwürdige Gleispläne realisieren, mit Kehrschleifen und Schattenbahnhhof!

Erste Modellbahnerpflicht: Geduld...!

Gut Ding will Weile haben, das gilt erst recht für den Bau einer Modellbahnanlage, ganz gleich, wie groß sie sein soll. Wo Gleisplanbücher der Hersteller (die man getrost nicht kaufen muß...) unausgesprochen rasche Erfolgserlebnisse zu versprechen scheinen, da ist tatsächlich viel Zeit und Engagement notwendig.

Ein Beispiel: alleine der Bau und die Patinierung der nicht gerade zahlreichen Gebäude in Weyersbühl hat Monate gedauert. Monate mit tristen, grauen Winterabenden, an denen gefeilt, geklebt und bemalt wurde. Das Dach des Tankstellenhauses sollte nach alten Holzschindeln aussehen, garnicht so einfach bei einem Plastikteil. Mehrere Abende sind mit verschiedenen Versuchen draufgegangen, ehe ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Die Werkstatt ist selbstverständlich eingerichtet, auch, wenn man das so gut wie nicht sehen kann. Die Stadtmauer übrigens hat ebenfalls ungezählte Stunden verschlungen.

Das Gute dabei: man lernt rasch, mit den Materialien richtig umzugehen, welche Farbe welches Ergebnis erzielt, wie man die Teile zum richtigen, paßgenauen Zusammenbau vorbereitet und wo schon am Spritzling zu sehen ist, daß einiges an Nacharbeit erforderlich sein wird. Und mit jedem Bausatz wird man mutiger, wagt sich dann auch an das Kitbashing (raten Sie mal, welches Fenster normalerweise nicht vorhanden ist...) und an eigenmächtige Veränderungen. Aber zurück zum Anfang:

Wie geht man vor bei der Planung einer Modellbahnanlage?

  • Platz bestimmen: Wie groß ist die verfügbare Fläche? Man sollte dabei nicht denselben Fehler wie der Autor begehen, der die volle Breite und Tiefe des Zimmers ausnützte. So ist dummerweise nämlich kein Platz mehr, um die Anlage für Notfälle mal eben ein wenig zu verschieben. Der hintere Anlagenteil kann nur mit akrobatischsten Verrenkungen von unten erreicht werden... Also lieber 50 cm "Luft" lassen.

  • Bauweise festlegen: Der modulare Aufbau ist eindeutig zu empfehlen. Auch, wenn man heute nicht an einen Umzug denkt, eine teilbare Anlage ist flexibler für alle Fälle. Weyersbühl ist eine Mischbauweise: der Schattenbahnhof kann mit wenigen Handgriffen ausgebaut werden, der Unterbau des langen Anlagenschenkels besteht aus zwei Teilen und der kurze Schenkel ist ebenfalls ein separates Teil. Allerdings wurden Schienen und Landschaft komplett erstellt, so daß bei einer Trennung mit der Säge gearbeitet werden müßte, was aber mit ein wenig Geschick problemlos zu bewerkstelligen ist. Wichtig: jede Anlagenstelle sollte zugänglich sein, denn "Unglücke" passieren prinzipiell an den unzugänglichsten Stellen...
    Übrigens: wer am Holzunterbau spart, kann später höchst unliebsame Überraschungen erleben. Spanplatten und Billigholz mögen für Kleiderschränke von heute ausreichen, für eine Modellbahn sollte man bessere Qualität verwenden.

  • Spurweite: 1:87? Oder Spur N? Oder noch kleiner mit Märklins Spur Z? Oder vielleicht Spur 0? Das umfangreichste Angebot gibt es sicher für Spur H0, und die Bastelei an 1:160-Gebäuden ist vielleicht für den Einsteiger nicht gerade optimal. Gehen wir einfach mal von der am weitesten verbreiteten Spur H0 aus.

  • Anlagenthema: Dieses richtet sich zwangsläufig nach der verfügbaren Fläche und der gewählten Spur. Wer nur 3 Meter Länge hat, der kann in H0 keinen großen Bahnhof darstellen, nicht mal einen mittleren. Damit ist schon klar, daß auf einer solchen Fläche auch lange Güterzüge oder gar ein ICE kaum fahren können. In Spur N sieht das schon anders aus!
    Zu beachten sind auch die Proportionen: ein "Berg" von einem Meter Höhe auf der Anlage entspricht real gerade mal einem "Hubbel" von 87 Metern. Wer sich also mit seiner Anlage ins Hochgebirge begeben will, braucht einen hohen Raum. Mehr zum Anlagenthema.

  • Gleisplan: Fläche und Thema sind abgehakt, dann kann's ja an den Gleisplan gehen. Planungsprogramme für den PC (sogar für den Mac) gibt es inzwischen genügend, mir hat Winrail stets gute Dienste geleistet und das Preis-/Leistungs-Verhältnis ist mehr als angemessen. So, und jetzt gilt es, die Handbremse zu ziehen! Bei der Planung sollte man sich ein Schildchen an den Monitor pappen "Weniger ist mehr!". Wenn ich heute Weyersbühl nochmal zu entwerfen hätte, ich würde vermutlich noch weniger Gleis vorsehen, dafür aber großzügigere Landschaft. Man muß sich immer vor Augen halten, daß in der Realität die Landschaft vor der Bahn da war, und nicht jemand die Landschaft um die Bahngleise herum drapiert hat. Wenn wenig Fläche vorhanden ist, aber Wert auf Zugfahrten in der Landschaft gelegt wird, warum nicht eine Anlage ohne Bahnhof? Eine 15°-Weiche von Roco z.B. ist 23 cm lang; um von einer 2-gleisigen Strecke auf einen 5-gleisigen Bahnhof zu kommen, benötigt man mindestens einen Meter - für Ein- und Ausfahrt also rund zwei Meter. Ein schlapper Meter für Bahnsteige bietet kaum Platz für einen Schnellzug mit 4 Vierachsern, wenn die Lok nicht schon auf der Ausfahrtweiche stehen soll. Und die Radien an Ein- und Ausfahrt benötigen auch noch wenigstens 1.50 Meter - macht schon 4.50 Meter Länge! Vergessen wir das, an einem solchen Anblick wird man sich nicht erfreuen.
    Das Geheimnis gelungener Gleispläne ist die Reduzierung. Und das gilt für jede verfügbare Fläche und jedes Thema. Die Realität läßt sich nicht kopieren, wer sich einmal das Weichenvorfeld und die Ausmaße der Bahnsteiganlagen eines kleinen Bahnhofs ansieht, wird rasch erkennen, daß auf der heimischen Modellbahn nur ein Kompomiß möglich ist.
    Je moderner die Epoche, desto schwieriger übrigens die Gestaltung der Weichenfelder, denn enge Abzweigradien und DKW's sind spätestens ab Epoche 4 nicht mehr vorbildgetreu. Schlanke Weichen erfordern aber bauartbedingt noch mehr Fläche. Ähnliches gilt für Kurvenradien. Zweiachser mögen in engen Radien noch akzeptabel aussehen, für Vierachser sind große Radien unverzichtbar (und auch aus fahrtechnischen Gründen vorzuziehen).
    Sind Sie etwa schon abgeschreckt und mutlos?? Hoffentlich nicht, denn auch mit allen Ein- und Beschränkungen sind auch auf kleinen Flächen schöne Gleispläne realisierbar, dazu gibt es natürlich ein paar Vorschläge.

Ob Gleichstrom oder Wechselstrom spielt übrigens fast keine Rolle bei der Planung der Anlage. Der Vorteil des Märklin-Systems ist die elektrisch unproblematische Bauweise (z.B. kein Kurzschlußproblem bei Kehrschleifen oder Drehscheiben). Die Gleichstromfraktion bietet ein erheblich größeres Angebot an rollendem Material, tummeln sich hier doch eine Vielzahl von Anbietern.

Gleismaterial:

Wer Wert auf eine möglichst realistische Gestaltung legt, kann sich von den Mittelleiter-Schienen verabschieden: man kann machen, was man will, sie sehen eben immer aus wie Modellbahnschienen. Rocoline, Pilz-Elite oder Peco hingegen können mit realitätsnahem Gleismaterial dienen. Die heute verwendeten Materialien (wie Neusilber) tragen übrigens dazu bei, daß das frühere Vorurteil, Zweileiter-Gleise litten unter Kontaktproblemen, der Vergangenheit angehört.

Gleise mit fertiger Bettung sind für den sichtbaren Anlagenteil nicht empfehlenswert. Hier sollte man soweit wir möglich mit Flexgleisen arbeiten und die Gleisbettung selbst erstellen. Vor der Verlegung von Flexgleisen muß man keine Angst haben: mit nur wenig Übung und der nötigen Geduld (wie bei allem...) kann auch der Anfänger rasch mit diesen Gleisen arbeiten. Für unsichtbare Strecken kann durchaus Gleis mit Bettung verwendet werden, die Verlegung geht schneller, allerdings ist der Preis für dieses Gleismaterial auch höher.

Weichenantriebe:

Die für Großserien erhältlichen Antriebe der Hersteller sind zuverlässig, aber "lästig". Schöner sind motorische Weichenantriebe, die die Weichenzungen vorbildgerecht langsam bewegen und nicht mit einem "Klack" umwerfen. Fertige Antriebe gehören aber auf jeden Fall auch unter die Anlage - sichtbare Antriebseinheiten neben der Weiche sind tabu.

Schaltung/Betrieb:

Analog oder digital? Manuell oder rechnergesteuert? Das alles ist mehr oder weniger eine Frage des Geschmacks und des Geldbeutels. Nahezu alle Loks sind heute mit Schnittstellen für Decoder ausgestattet, fahren aber natürlich auch analog. Der nachträgliche Einbau von Decodern in Lokomotiven ohne Schnittstelle erfordert schon ein wenig Geschick.

Die Entscheidung sollte jedenfalls vor der Planung feststehen. Ein späterer Umbau einer analogen Anlage auf Digitalsteuerung ist in zwei Teilbereichen möglich: digital fahren und digital schalten/melden. Digital fahren ist der leichtere Teil: die bisher für analogen Fahrstrom genutzen Einspeisungen werden jetzt für den Digitalstrom genutzt; ausreichend vorhandene Einspeisungen sollten eh vorhanden sein, Spannungsverluste durch zu lange Strecken sind weder anlog noch digital spaßig. Digital schalten und melden kann man auch später noch integrieren. Das Thema Umbau werden wir an einer anderen Stelle mal behandeln...

In Weyersbühl wird digital gefahren (DCC/Lenz), aber analog geschaltet. Der Schattenbahnhof erhält eine einfach zu realisierende Matrixschaltung, im sichtbaren Bereich wird komplett manuell gefahren, weil mir das mehr Spaß macht, als meine Züge mit der Maus zu fahren oder gar den Ablauf komplett vom PC steuern zu lassen. Außerdem ist bei einer digitalen Schaltung natürlich zu berücksichtigen, daß die Kosten für die notwendigen Bauteile (Schaltdecoder usw) nicht unerheblich sind. Da kommen schnell ein paar Hunderter zusammen, und die kann man ja auch in einen schönen Zug investieren...

Die beiden schlimmsten Feinde...

...einer Modellbahn sind Eile und Ungeduld. Man kann das nicht oft genug betonen. Das Schöne an der Modellbahn ist, daß sie nicht wegläuft oder schimmelt, wenn man mal ein paar Wochen oder Monate keine Lust hat (wer mag schon im Hochsommer an der Anlage schrauben). Ach ja, apropos schimmeln: Schmutz ist der ärgste Feind unserer Anlagen. Abgesehen davon, daß er unsere liebevoll gebauten und gealterten Gebäude mit einem dumpfen Grauschleier überzieht, er setzt sich auf den Schienen fest und verkleistert unsere Loks. Besonders unerfreulich sind die Ablagerungen, die das Rauchen erzeugt: klebrig-braune Pampe, die sich fast jedem Reinigungsversuch wiedersetzt (Feuerzeugbenzin hilft, die Schienen zu reinigen).

So. Jetzt kann's eigentlich losgehen mit der Planung der Anlage. Noch ein paar Tips gefällig? Das Menü links hat noch ein paar Seiten zum Thema Modellbahn richtig planen parat...